Gleitschirmausflug Herbst 2002 - Dolomiten/Fassatal

Samstag 14.09.02, 5:15 Uhr - scheiß Wecker … wahrscheinlich wäre es auch ausreichend gewesen, eine Stunde später aufzubrechen, aber man weiß ja nie, ob wir dann nicht zur besten Thermikzeit in irgendeinem Stau festsitzen …! Nachdem ich die ganze Woche in Villach arbeiten musste und deshalb ohnehin schon südlich des Alpenhauptkamms bin, starten wir (mein Arbeitskollege Paul und ich) gleich von hier aus Richtung Dolomiten. Arno, Björn, Melanie und der Widerer Franz brechen erst um 8:15 Uhr ab Reichenhall auf, wir sollten uns also nachmittags in Campitello am Landeplatz treffen.
Bereits um 8:30 Uhr (es gab eben keinen Stau) stehen wir am Pordoi-Joch und genießen bei Kaiserwetter das grandiose Dolomiten-Panorama: Rechter Hand ragt senkrecht die viele hundert Meter hohe Felswand der Pordoi in den stahlblauen Himmel und verdeckt etwas den Blick auf die schroffen nicht weniger hohen Sellatürme, welche für den ganzen Gebirgsstock Namensgeber sind. Daneben, ebenso eindrucksvoll, erstrecken sich die Felszacken des Langkofels. Diesem vorgelagert der Col Rodella, von hier wird gewöhnlich gestartet, um die Dolomiten mit dem Gleitschirm (oder einem dieser ‚Stangerlhaufen') zu erobern. Weiter hinten, am Ausgang des Fassatals, lässt sich das steinerne Meer der Rosengärten ausmachen und im Süden schließt die Mamolada, mit 3342m der höchste Klotz der Dolomiten, die Szenerie ab.
Nun schon seit sechs Jahren kommen wir im Herbst regelmäßig in dieses Fluggebiet, aber jedes Mal wieder kribbelt es in den Zehenspitzen, wenn man an die bevorstehenden Flüge über diesen Felsriesen denkt. Nicht ohne Grund, denn selbst um diese Jahreszeit ist die Thermik hier noch knackig (8 m/s Steigen sind nichts Außergewöhnliches) und nicht selten lassen sich Maximalhöhen von 4000m (und darüber) erfliegen.

Vom Pordoi-Joch bis Campitello ist's nur noch ein Katzensprung und so kaufen wir uns kurz darauf auch schon einen ‚4-Tages-Dolomitenpaß' (Preis: 28 € - die Einzelfahrt würde bereits 7.50 € kosten) an der Rodella-Seilbahn. Mit diesem Paß hat man Zugang zu ca. 25 Seilbahnen im umliegenden Dolomitenareal. Die vier Tage müssen nicht ‚am Stück', also hintereinander, verbraucht werden, sondern man kann auch zwei ‚Ruhetage' einschieben - die Gültigkeitsdauer beträgt also sechs Tage ab Kaufdatum - tolle Sache!
Die Seilbahn überwindet die über 900 Höhenmeter in weniger als sechs Minuten und so stehen wir dann auch schon um 10:00 Uhr am 2400 m hohen Startplatz, zu früh für einen Thermikflug, also ist warten angesagt. Der Wetterbericht hat für die nächsten Tage Nordwind vorhergesagt, und damit hat er wohl Recht, denn es weht uns schon ein steifes Nord-Lüftchen entgegen. Dennoch kommen bereits um diese Tageszeit einzelne stärkere Thermikblasen aus den Südflanken am Startplatz an, Vorboten für den kommenden Flugtag!
Von dem Startplatz kann man hier eigentlich gar nicht sprechen. Vielmehr handelt es sich eher um ein Startgelände, denn man kann sich in alle denkbaren Richtungen ‚raushauen'. Dabei gibt es fast überall ein flacheres Fleckchen zum Auslegen mit anschließender idealer Neigungen für die ‚Startprozedur' - solche Gelände kann man sich nur wünschen, wenn man Reichenhall und Umgebung gewohnt ist …!
Für Gleitschirmpiloten bietet sich der untere Startplatz (50 Hm unterhalb der Seilbahn-Bergstation) an, da er direkt dem Rodella-Hausbart vorgelagert ist. Hier startet man nach Süd oder Süd-West, also oft w.z.B. am heutigen Tag direkt ins Lee. Das aber macht nichts, da die Thermik schon am Start kräftig ansteht (ohne Rückwärtsstarttechnik braucht man hier zur besten Tageszeit nicht antreten), so dass die Hauptwindrichtung eigentlich nie richtig ‚durchschlägt'. Gibt es allerdings Nordföhn, so ist das Starten/Fliegen nicht nur an diesem Startplatz, sondern eigentlich im gesamten Dolomitengebiet absolut tabu!

Abb. 1.a. / b.: Graphische GPS-Auswertung Dolomiten-Flug 14.09.2002

Der obere Startplatz, auf gleicher Höhe zur Bergstation - nur ein paar Schritte davon entfernt, lässt Starts Richtung Nord, Ost oder Süd zu. Hier treffen bei Nordlagen die Hauptwindrichtung und die Thermik aus den Südflanken ‚ungebremst' aufeinander, so dass es oft Verwirbelungen - bis hin zu Dust Devils - gibt. Gleich nach dem Start kann es deshalb auch 'mal recht ungemütlich ‚rumpeln'. Hat man aber die ersten Höhenmeter aufgebaut, wird's dann meist ruhiger. Während der nächsten Tage haben wir fast immer diesen oberen Startplatz gewählt. Dieser ist weit weniger überlaufen, als der untere, außerdem muß man von der Seilbahnstation her nur kurz latschen! Auch hier ist allerdings Rückwärtsstarten angebracht, kaum ein Anfänger, der sich hier nicht an dieser Starttechnik ‚versucht'.
Die ersten Dummies können sich mittlerweile schon halten; auch die ein oder andere Prominenz ist schon draußen; gerade ist der Gschwendner Sepp gestartet, recht hoch geht's aber scheinbar noch nicht, also weiterwarten. Gegenüber, am Sellapaß (der Startplatz nennt sich ‚Lokomotive') hat ein weißer Fetzen ausgelegt, startet und - kann sich halten, ja sogar, nach längerem Kampf, aufbauen bis über die Sella. Dort angekommen vollführt er erst einmal eine Toplandung auf einem schmalen Grad am kleinsten Sella-Turm (oberhalb dem ‚Kanonenrohr').

Rodella"Der fliagt net zum ersten Moi", ein Rosenheimer, Helmut, mit seinem Gschbätzl, Dave aus West-Virginia/USA, kommen mit uns ins Gespräch. "Wo fliagts ihr oiwei?" "Predigtstuhl, Reichenhall!" "Kenn i, war vor drei Wochen dort zum Fliagn! Scheiß Startplatz!" -Er meint wohl die Schlegelmulde! "Bin dann mit einem Einheimischen zu an andern Ost-Start marschiert" (Schröck!) "Is komisch, de Einheimischen san nach dem Landen alle unter am Baam ghockt und ham oans ums andere Biertragerl vernichtet …!" Was soll man darauf sagen?: "Gibt's ned, müssen auswärtige Vandalen gwesen )sein …!" Der weiße Schirm ist auf dem kleinen Sella-Turm mittlerweile wieder gestartet. Jetzt haut er seinen Fetzen gerade in einem SAT neben den senkrechten Sellawänden nach unten. Kurz den Schirm austariert, dann Wing-Over, der spinnt (is' vielleicht der Rolf unterwegs?)! Bei jedem Aufschaukeln läuft doch der Wahnsinnige mehrere Schritte an der senkrechten Felswand entlang! Jetzt glaub ich's aber auch langsam - "Der fliagt net zum ersten Moi"!

 

Jetzt wird's langsam Zeit, 12:00 Uhr, wir machen uns zum Starten fertig. Guter Rückwärtsstart nach Norden, oberhalb Lawinenverbauung - und schon das erste Geschüttle! Aber, es geht nach oben - je länger, desto schneller! Bei 3300m ist Schluß. Jetzt rüber zur Sella! - An den Wänden entlang, Richtung Pordoi, erst 'mal kein Steigen; weiter weg von der Wand geht's dann aber doch wieder sauber bergauf. Vor der Pordoi-Bergstation nur ‚Saufen', deshalb gleich rüber zur Belvedere, da fliegen schon zwei Schirme. Jetzt geht's richtig nach oben, bis scheinbar bei 3700m Ruhe einkehrt. Saukalt ist es hier, und das Nasentröpferl rinnt kräftig - Gott-sei-Dank hab ich den Kragen fest zu, so rinnt mir das Zeug nicht unter den Overall!

Die Höhe reicht locker aus, um mit Unterstützung des Nordwinds beruhigt die Talquerung zur Mamolada anzugehen, wo ich dann auch auf 3300m unmittelbar am Vorgipfel Gran Vernel ankomme - super, heute bin ich der erste Gleitschirm hier. Mit dieser Höhe muß man sich auch nicht entscheiden, ob nordseitig anfliegen, oder ins Lee in die Südwand, ich kann einfach den Grad entlang zum Mamolada-Hauptgipfel fliegen. Und auch hier wieder ordentliches Steigen. Das erste Ziel des Ausflugs ist erreicht - Mamolada überhöht. Seit den letzten paar Jahren ist das bereits das vierte Mal, dass mir dies gelingt. Angesichts der Anzahl von Piloten, die hier an guten Tagen oft über dem Gipfel kreisen, scheint dies aber keine große Leistung mehr zu sein!

Abb. 4.a. / b.: Mamolada, Anflug aus Nord-West

Unmittelbar über dem ‚Landefeld' vor der Biwakschachtel zieht aus der Südseite die Thermik rasant nach oben, allerdings gibt's deshalb auch ab etwa 3600m dichte Wolken. Aber da bis jetzt noch kein weiterer Flieger die Mamolada erreicht hat, kann ich immer wieder ohne Risiko einer Kollision einen Halbkreis in die Wolken reindrehen, wo's also gutes Steigen gibt. Die andere Hälfte des Kreises ist dann nordseitig außerhalb der Wolke, wo man wieder was sieht. Hier geht's natürlich immer wieder bergab (am Wolkenrand bockt's entsprechend). Trotzdem - in Summe lässt sich so noch 'mal Höhe machen, und so geht's bis über 3900m. Arno würde jetzt wohl abspiralen und eine Toplandung probieren. Eigentlich hätte ich mir dies auch vorgenommen für diesen Dolomitenausflug, angesichts der etwas unheimlichen Szenerie aber ist mir etwas mulmig zumute - ich laß es also lieber sein!
Mittlerweile sind jetzt auch fünf andere Schirme und drei Drachen an der Mamolada angelangt und so wird mir das ‚Wolkenfliegen' langsam zu riskant. Also geht's den Weg zurück mit Ziel Pordoi und Piz Boe. Die gesamte weitere Strecke gibt's immer wieder gute Aufwindbärte, so dass ich eigentlich immer über 3000m bleiben kann.

Abb. 5.a. / b.: Langkofel-Gruppe, Anflug aus Süd

Nach einem Abstecher zum Langkofel glaube ich dann meinen Arbeitskollegen Paul in der Luft zu erkennen. Der fliegt gerade Richtung Rosengärten, also hinterher. Auf dem Weg dorthin wird's sehr ruppig und ich hab ein paar heftigere Klapper (bis dahin war's eigentlich meistens nicht so unruhig). Am Rand der Rosengärten angelangt merke ich dann, dass der Typ, der neben mir fliegt gar nicht Paul ist - auch egal. In die Rosengärten hinein flieg ich nun aber nicht mehr mit, die Blase macht sich langsam bemerkbar. Mit viel Höhe (3300m) geht's ohne weiteres Aufdrehen im Gleitflug bis zum Landeplatz, wo schon reges Treiben herrscht. Der Talwind bläst stark, aber gleichmäßig, so dass das Landen kein Problem darstellt. Das Landefeld selbst befindet sich nur einen Steinwurf von der Rodella-Seilbahn entfernt, und ist riesig groß, vergleichbar mit der Weitwiese (nicht so breit, aber dafür sehr lang). Überhaupt gibt es im ganzen Tal weitläufige Wiesen, so dass auch Außenlandungen gefahrlos sind (aber die gibt's ohnehin bei solch tollen thermischen Bedingungen kaum).
Paul wartet schon mit einer Dose Bier in der Hand. Schnell schiffen, und dann hol' ich halt auch mein Landebier raus! Nachdem dieses in wenigen Schlucken leer ist (ich glaub mittlerweile, dass die Brauereien die Dosen in letzter Zeit nur mehr höchstens halb voll machen!), zaubere ich noch das Zweitbier aus dem Gurtzeug, denn ‚der Trend geht zum Zweitbier' (ständiges Zitat von Arno, übernommen von den Allgäuer Thermikzipfeln).
Kurz darauf schweben schon Melanie und Björn und wieder etwas später dann auch Arno und der Widerer Franz ein. Obwohl die vier heute auf der Rodella nicht zur besten Thermikzeit gestartet sind, hatten sie wohl auch einen schönen Flug mit starken Steigwerten (Björn z.B. erreichte über 8m/s). Nach der Landung jeweils gleiche Prozedur: Erst das eine Landebier, dann - schwupp- das Zweitbier, und schon schaut's wieder aus, wie bei den Anonymen Alkoholikern vor der Therapie. Auch der Rosenheimer Helli und USA-Dave gesellen sich noch dazu. Mit zwei Flascherl Rotwein und einer weiteren Ration Bier von Björns Reservebeständen aus dessen Campingbus lassen wir den Flugtag dann am Landeplatz ausklingen. Bis spät am Abend (noch nach 19:00) sind 'zig Schirme oberhalb der Rodella oder der Belvedere zu sehen, die sich noch gut halten können oder überhöhen.
Zu dieser Zeit sitzen wir aber dann schon in der Pizzeria ‚Olimpic' unweit des Landeplatzes. Mittlerweile hat sich unsere Gruppe noch vergrößert: auch Manfred, ein Drachenflieger welchen wir schon von früheren Dolomiten-Ausflügen kennen, und eine ganze Fliegerfamilie mit Kleinkind, ist zu uns gestoßen. In der besagten Pizzeria gibt es für Flieger alles um 10% billiger, weshalb sich hier wohl alles trifft, was tagsüber flugmäßig unterwegs war. Nicht nur der Preis stimmt, sondern die Pizzas sind auch so groß, dass sie zumindest am heutigen Tag kaum jemand von uns voll besiegen kann. Nach dem Essen gibt's noch einen Abstecher in ein Pub am Hauptplatz von Campitello, dann teilen wir uns - Björn, Melanie und Arno haben noch nicht genug und zapfen noch eine Halbe, die anderen gehen ins Hotel Ford-Galaxy oder ins Zelt, welches am Parkplatz der Seilbahn aufgestellt wird.

Der nächste Tag, Sonntag, ist wieder strahlend blau, aber an Fliegen ist heute wohl nicht zu denken - extremer Nordwind. Deshalb fahren wir zum Sella-Paß hoch, wo es einige kleinere Kletterfelsbrocken gibt. Franz sichert und einer nach dem anderen (bis auf mich - ich fühl mich zu ungelenkig - und wohl auch zu fett) versuchen sich an mehreren Kletterstellen. Arno schafft es sogar mit normalen Turnschuhen bis oben hin - hätte ihm wohl kaum einer zugetraut. Bei Melanie sieht man, dass sie nicht zum ersten Mal klettert, sie bewältigt die schwierigeren Passagen ohne größere Probleme.

Abb. 6.: Arno und Melanie im Fels
 

Abb. 7.: Arno freut sich, dass wir ihn in die Dolomiten mitgenommen haben!

Abb. 8a.: Rosenheim Helli, Arno, Melanie.
 

Auch für den nächsten Tag, Montag, sind schlechtere Verhältnisse vorhergesagt, weshalb ich den Heimweg antrete. Auch Franz und Melanie werden am Abend zurück nach Reichenhall düsen (am Montag ist Arbeiten angesagt).
Zu dem Zeitpunkt weiß ich noch nicht, dass ich bereits am nächsten Tag abends zurück in den Dolomiten sein werde, denn das Hochdruckwetter hält wider erwarten. Belohnt wurde diese Rückkehr schon am Dienstag, da sollte es nämlich noch einmal einen Flug mit über 3900 m Höhe geben. Da aber auch in der Zwischenzeit viel passieren sollte, wird Björn über den Rest des Ausfluges berichten.

Aaauuu
Baschdei

(Text: H. Weber / Fotos: P.Ganitzer, H.Weber)

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