Belluno / Mt.Dolada, März 2003

Freitag abend, 7.03.2003

Liebes Tagebuch,
ein hoffentlich schönes Fliegerwochenende liegt vor mir. Ich starte nun gleich von Villach aus Richtung Belluno, das ca. 70 km südlich von Cortina d’Ampezzo in Oberitalen liegt. Dort werde ich mich morgen früh mit Girgl, Angiiiiiieee, Arno, Knappei und Melanie treffen, die sich wohl gerade von Reichenhall aus auf den Weg machen (Fahrzeit etwa 4h).
Diesmal wird es wohl etwas geruhsamer und besinnlicher, als bei früheren Ausflügen: Wie Du weißt, liebes Tagebuch, hab ich mir nach dem gröberen Absturz am Faschingsball letztes Wochenende fest vorgenommen, bis Ostern, also sechs Wochen lang, absolut keinen Alkohol zu trinken. Das dürfte mir auch nicht allzu schwer fallen, denn auch Arno hat ein entsprechendes Gelübde abgelegt - ja, bei so ‘was hoit ma hoit z’samm! Was mir diesbezüglich nur etwas Sorgen macht - Knappei, dieser Ketzer, hat für eine solch’ selbst auferlegte Abstinenz nichts übrig; Gott-sei-Dank haben wir einen absolut unbeugsamen Willen - immerhin liegen ja schon fünf Tage ohne das kleinste Tröpfchen hinter uns!!!
Also, auf geht’s!


Samstag 13:00, 8.03.2003

Liebes Tagebuch,
ich sitze gerade am Startplatz des Monte Dolada. Der Himmel ist zwar etwas ‘diesig’, aber es ist angenehm warm, so daß es sich gut im T-Shirt aushalten läßt. Da die Wetterverhältnisse keinen übereilten Start erfordern (es wird sicher kein Hammertag heute), finde ich nun etwas Zeit, meine Eindrücke niederzuschreiben.
Ich habe gestern in der Nacht noch eine schöne Lichtung am nahegelegenen Stausee gefunden, wo ich mir’s in meinem Galaxy gemütlich machen konnte. Nach einem guten italienischen Frühstück (Panini, Proscutto, Mortadella, Salami und Capuccino) tauchten dann die anderen auf und wir machten uns, mit einem weiteren Capuccino-Zwischenstop, auf den Weg zum Startplatz:
Der Ausgangsort Pieve d’Alpago liegt in einer idyllischen Hochebene (600 m NN) etwa 10 km östlich von Belluno. Von hier aus führt eine asphaltierte, relativ gut ausgebaute Straße bis auf 1500 m NN zum Rifugio Dolada (einfach der Beschilderung folgen), etwa 400 m unterhalb des Dolada-Gipfels. Zur Zeit, also von Ende Januar an, ist das Wirtshaus ‘verweist’, aber für gewöhnlich ab Ostern kann man hier oben sogar übernachten (15 Betten). Melanie und Knappei waren bereits um Weihnachten schon einmal hier; deren Erzählungen nach soll es abends oft recht ‘griawig’ und feucht zugehen (und so sieht es auch um das Haus herum aus ...). Die Hütte wird von zwei Ortsansässigen bewirtschaftet (sehr üppiges Essen!), die ebenfalls dem Gleitschirm verfallen sind. Einen davon, Luca - er spricht sehr gut Deutsch - werden wir heute abend treffen.
Eine steile Wiese, unmittelbar neben dem Rifugio, dient als Startplatz - mustergültig: Der Wind (so gut wie immer aus SW) steht direkt am Hang an und es können mehrere Schirme gleichzeitig im flachen oberen Teil ausgelegt werden. Startstress kennt man hier offensichtlich nicht - trotz Wochenende, guten Flugwetters und idealem Wind sind außer uns nur zwei einheimische Flieger unterwegs.
Der Monte Dolada selbst ist Teil einer fast durchgängigen Bergkette, sich sichelförmig etwa 20 km Richtung Südosten erstreckt. Obwohl bereits 10 km von hier aus im Süden das Flachland beginnt, ragen die markantesten, jetzt noch schneebedeckten Gipfel dieser Kette bis 2600 m NN hoch - tolles Panorama!
Ich werd’ mich nun langsam zum Starten fertigmachen, die anderen sind bereits in der Luft! Girgl und Knappei (beide natürlich auf Advance) haben sogar schon etwa 200 m aufgebaut. Knappei wird wohl wieder toplanden und das Auto runterfahren. Dieser Vorsatz kommt nicht von ungefähr, er hat 2 Fässer Bier und diverse Flaschen Wein im Auto und denkt natürlich schon wieder an nichts anderes (Prolet!), als an die ‘Landeplatz-Gaudi’!!! Die muß er sich wohl diesmal alleine machen; ich jedenfalls bleib’ eisern, kein Alk, nicht einmal das obligatorische Landebier!


Sonntag abend, 9.03.2003

Liebes Tagebuch,
schwere Zeiten liegen hinter mir, seit ich mich Dir zuletzt anvertraut habe. Da ich noch immer etwas angeschlagen bin, ordne ich meine Gedanken wohl am besten, wenn ich die letzten Ereignisse chronologisch aufzuzählen versuche. Ich beginne also mit dem gestrigen Flug:

(14:30) Schöner Rückwärtsstart. Kaum Höhengewinn, aber auch nichts verloren, relativ ruppig (starke Steigphasen, aber z.T. sehr eng). Nach 45 min., Landung am offiziellen, wirklich riesigen Landeplatz (liegt in der besagten Hochebene nahe des Ausgangsorts Pieve d’Alpago). Dort Zusammentreffen mit den bereits Gelandeten - Arno, Angiiiieee, Melanie, Girgl, - nur Knappei fehlt noch, der fährt ja das Auto runter!

(15:20) ‘Was zu trinken wäre jetzt doch ‘ne tolle Sache! „Arno, ein klitze-kleines Bierchen kann uns doch koana vorwerfen? Des verletzt doch sicher nicht unser Abstinenz-Gelübde!?“ „Hast Recht, wenn Knappei kommt, trink ma einen Becherl! S’muaß hoit wirklich bei oam bleibn!“ „Logisch, is’ ja nur wegen dem Durscht - nicht wegen dem Bier!“ -„Logo!“

(15:40) Wo bleibt Knappei!?

(15:50) I glaub, da Knappei spinnt, gurkt in der Gegend ‘rum, obwohl er weiß, daß wir auf dem Trockenen sitzen!

(15:55) Verdammt - ich kann’s kaum mehr erwarten, meine Vorsätze zu brechen!!!

(15:57) Nun reicht’s, i ruaf’ eam oo! ‘Laßt uns da stundenlang durschten! Na wart, Biascherl, ich werd’ Dir’s heimzahlen: „Arno, da Knappei braucht an Denkzettel! Wenn er kimmt, dann trink ma net nur ein kloans Bierchen, mir saufan eam sei ganz Zeig z’sam!“
Und das haben wir dann (ab 15:58) auch getan ...

(18:00) Bier ist aus, und auch Knappei’s Weinvorräte gibt’s nicht mehr!

(18:30) Wir finden uns in der einzigen Kneipe der Umgebung wieder, hier treffen sich für gewöhnlich die ansässigen Flieger. „Hey, der Liter Rotwein kostet nur 4 Euro!!! -Wirt ... due litri ...!“

(Etwas später ...) Luca, der Wirt des Rifugio Dolada, taucht mit seiner Freundin (nettes Erscheinungsbild!) und einem Bekannten auf! Ich glaube, wir haben uns recht angeregt unterhalten, aber an Einzelheiten kann ich mich nicht mehr so recht erinnern. Überhaupt fehlt mir ab hier etwas das Zeit- und auch das Mengengefühl! Es sind wohl noch mehrere Flaschen Rotwein an diesem Abend auf unserem Tisch gelandet, denn die Rechnung betrug zum Schluß 52 Euro!
Girgl behauptet, daß es nicht so einfach war, uns zum Landeplatz zurückzubringen. Dort, so hatten wir beschlossen, würden wir in unseren Autos nächtigen! Ich weiß nur noch, daß ich mitten in der Nacht aufgewacht bin, weil es saukalt war - klar, es ist erst Anfang März, mein Schlafsack liegt schön zusammengerollt neben mir und zudem sind sämtliche Türen meines Autos sperrangelweit offen.

(Nächster Morgen) Verdammtes Schädelweh!!! Welcher Idiot hat mich wieder dazu überredet, meine guten Vorsätze zu brechen? – Knappei, Kameraden-Sau!

Ich krieche aus dem Auto, und bin anscheinend noch immer völlig angetrunken, denn das, was ich da sehe, kann sicher nicht wahr sein!:
Die Landewiese wird gegen eine Seite hin von einem Feldweg begrenzt, der als Zufahrt dient. Zwischen der Wiese und diesem Weg ist ein etwa 30 cm hoher Erdwall aufgeschüttet. Soweit nichts Besonderes. Nur heute, an diesem Morgen, parkt über diesem Wall - zur Hälfte auf der Wiese, zur anderen Hälfte quer in den Feldweg ragend – Melanies Camper! Auch nichts besonderes, außer vielleicht, dass die gesamte Zufahrtstraße versperrt ist und das wahrscheinlich seit Stunden (gestern Abend noch stand der Camper sauber eingeparkt am Rand der Wiese). Was mich jetzt nur etwas stutzig macht - die Vorderräder des Campers sind in der Wegdecke „versunken“, und zwar nicht etwa nur ein paar Zentimeterchen, sondern soweit, dass der Fahrzeugboden plan auf der Straße aufliegt. Melanies Bus ist ein „Hecktriebler“, die Vorderräder haben also nicht etwa durchgedreht und sich dadurch eingegraben, sondern das Fahrzeug muß regelrecht „eingebrochen’” sein!

Was war passiert? Anscheinend hatte Knappei gestern in der Nacht eine glorreiche Idee:
Als wir zu fortgeschrittener Stunde noch vor unseren Weingläsern saßen, beschloß er (wir hatten ursprünglich unsere Fahrzeuge auf der Landewiese zurückgelassen und den kurzen Weg bis zum Wirtshaus zu Fuß zurückgelegt), Melanies Camper zu holen, uns alle zusammen einzuladen und zum Nächtigungsplatz zurück zu kutschieren. Offensichtlich hatte er bei seinem Ausparkversuch zunächst den kleinen Erdwall übersehen und war dann mit dem vollen Gewicht der Fahrzeugfront mitten auf dem Weg zum stehen gekommen. Ein Wasserrohr, welches unter dem Weg verlegt ist, war dann scheinbar unter diesem Gewicht gebrochen und nun, na ja …!
Melanie ist auch bereits wach und angesichts ihres tiefer gelegten „Sportcampers” völlig von den Socken. Im Gegensatz zum Verursacher der Misere, Knappei; der nämlich ist regelrecht ‚über alle Berge’, soll heißen, er ist bereits früh morgens mit Luca & Co. zu einer Skitour aufgebrochen und hat so die Verbleibenden, also uns, mit der Lösung des Camper-Problems betraut.

Eigentlich wäre es das Beste, das Fahrzeug zunächst mit dem Wagenheber aufzubocken, das in der Straße klaffende Loch aufzufüllen und das Auto dann einfach mit eigener Kraft aus dem „Gefahrenbereich“ zu chauffieren. Das ist aber leichter gesagt, als getan, denn es findet sich keine Stelle, wo wir den Wagenheber unter das Fahrzeug schieben könnten (wie gesagt, der Unterboden liegt ebenerdig auf). Also bleibt nur eins, wir müssen mit meinem Galaxy Melanies Auto aus dem Loch rausziehen und dabei riskieren, dass die unter dem Wagen montierten Anbauteile, wie Bremsleitungen, Auspuff, Abgasleitung der Standheizung etc. beschädigt werden. Nach etwa einer Stunde Arbeit und viel Stress für die beteiligten Kupplungsscheiben haben wir es dann aber doch geschafft, und zwar ohne größere Schäden an Melanies fahrbarem Untersatz. Anders sieht’s für den Feldweg aus! Das dort entstandene Loch ist mittlerweile mit Wasser vollgelaufen und auch in einem Umkreis von etwa zwei Metern sieht man anhand von feuchten Fahrbahnstellen, dass offensichtlich ein größeres Wasserrohr gebrochen ist.

Nachdem wir die Beweise von Knappeis nächtlichem Fahrtraining beseitigt haben (ein paar größere Steine in das Loch und fertig), können wir dann endlich frühstücken und uns schließlich wieder zum Startplatz begeben.

(Sonntag, früher Nachmittag) Auch heute sind die Startbedingungen ideal und so hängen wir bald im ersten Bart. Erstaunlich, trotzdem die Sonne ihre Kraft nicht voll auf die Erde bringen kann, auch heute verschleiert Dunst den Himmel, geht’s relativ großflächig aufwärts. Das scheint hier aber die Regel zu sein - sobald sich an einem Tag die Sonne auch nur erahnen läßt, gibt’s schon die erste Thermik! Aber nicht nur die Qualität zählt ...: Von der Gegend um Bassano di Grappa (und hierzu ist Belluno, da nur 60 km Luftlinie entfernt, sicherlich noch zu zählen) sagt man, daß hier an über 300 Tagen im Jahr geflogen werden kann! Ein ideales Aus-Flugsziel also, wenn’s bei uns auf der Alpennordseite noch so richtig schön naßkalt ist!

Girgl und ich kurbeln nun schon mehrere Minuten im gleichen Bart. Auf Gradhöhe (also bei 1900 m NN, 400 Hm über dem Startplatz) ist der Deckel drauf, höher geht’s heute offensichtlich nicht mehr. Angesichts der Nachwehen von gestern abend, stärkeres Kopfweh macht mir immer noch zu schaffen, ist mir dies gar nicht so unrecht. Die Höhe reicht schließlich aus, um einen kleinen Teil der Bergkette abzufliegen.
Nach einer knappen Stunde in der Luft, finden wir uns alle zusammen bei einer Brotzeit und Rotwein am Landeplatz wieder. Auch Knappei hat mittlerweile zu uns zurückgefunden und gleich Luca mit Freundin (nettes Erscheinungsbild!) und einen weiteren Bekannten mitgebracht. Diese vier waren also gemeinsam auf Skitour - anscheinend etwas extremer, denn sogar Knappei bezeichnet die Abfahrt als sehr steil ...!

(Sonntag, später Nachmittag) Mein Schädelweh läßt langsam nach, wobei ich nun wieder achtgeben muß, daß ich aktuell nicht den Grundstein für einen neuerlichen Absturz lege:
Mittlerweile nämlich haben sich am Landeplatz einige Mitglieder des hiesigen Gleitschirmclubs eingefunden (darunter der APCO-Generalimporteur von Italien - das, wenn Högi wüßte). Wir sind eingeladen zu Dosenbier, Rotwein, Knabberzeug und Kuchen - erinnert mich etwas an das übliche Treiben auf der Weitwiese! -Nicht ganz, zwei Unterschiede gibt es: Zum einen sind wir in Reichenhall sicher nicht so gastfreundlich, wie die Italiener hier; zum anderen wäre bei uns Zuhause wohl bald ein Bauernaufstand, wenn wir dem italienischen Beispiel folgen würden. -Es scheint nämlich Usus zu sein, mit dem Auto quer über die gesamte Wiese zu brettern, denn mittlerweile dient der Landeplatz als Parkgelegenheit für sicherlich zehn Fahrzeuge.
Hinter uns dröhnt ein Motor. Ein Ultralight-Drachen mit Propellermaschine wird gerade startklar gemacht. Nach einigen Minuten rollt der UL gemächlich an uns vorbei, über den Landeplatz hinaus und gegenüber eine kleine leicht ansteigende Wiese hoch, an deren Ende der Pilot dann schließlich wendet. Von hier aus beschleunigt er sein Vehicle, den kleinen Hang als Startrampe verwendend, direkt auf uns zu. Kurz bevor der Drachen in unsere Gruppe rast, hebt das Ding dann endlich ab und zieht keine 2 m über unsere Köpfe und die parkenden Autos hinweg. In wilden Steilkurven und mit gewagten Tiefflugeinlagen dreht der Pilot, oder besser gesagt Chaot, mehrere Minuten lang seine Runden über der Landewiese, bevor er die Schüssel dann spektakulär, aber wohlbehalten zur Landung bringt. Auch ein zweiter UL steht bereits startfertig am Ende des kleinen Starthangs. Die folgende Flugvorführung verläuft nicht weniger aufsehenerregend.
Langsam wird es dunkel, so daß der Flugbetrieb schließlich eingestellt und das Beisammensein verlagert wird.
 
Auf Einladung von Luca und dessen Freundin (wirklich nettes Erscheinungsbild!!!) sitzen wir nun also mit etwa 20 hiesigen Gleitschirmfliegern mit Anhang in deren Clubkeller (echt gemütlich). Ein ‘Kamerad’ hat gerade die Pizzabestellungen für die gesamte Runde aufgenommen, die Bestelliste per Telefon an die nächst gelegene Pizzeria durchgegeben und macht sich nun auf den Weg, diese Essensladung im Nachbarort abzuholen.
Eigentlich sollte ich morgen wieder in Villach sein - arbeiten. Da aber für die nächsten Tage gute Flugbedingungen vorhergesagt sind, habe ich kurzerhand einen Arbeitskollegen per Handy in Kenntnis gesetzt, daß Infineon am morgigen Tag nicht mit der tatkräftigen Unterstützung von Herrn Weber rechnen darf. -Guter Kollege! Er wird mich vertreten - soll mir bei einem nächsten Firmenfest auch ‘mal ein Bierchen wert sein! Danke!
Auch, wenn mittlerweile die ein oder andere Weinflasche leer unseren Tisch verlassen hat, heute wird der Abend wohl zu keinem Exzess ausarten, jeder von uns scheint sich, den gestrigen Abend im Hinterkopf, fest im Griff zu haben.
‘Freu mich schon auf den morgigen Flugtag ...!


Montag abend, 10.03.2003

Liebes Tagebuch,
‘bin mittlerweile wieder zurück in Villach.
Der heutige Tag bescherte uns einen wirklich schönen Flug (obgleich es nicht zum erhofften Streckenerlebnis reichte):
Bereits vom Start weg geht’s großflächig nach oben und zwar wesentlich höher, als an den vorhergehenden Tagen. Nach wenigen Minuten Kurbeln zeigt der Höhenmesser dann auch 2300m, also etwa 400 m über Grad, wodurch der Blick nach Norden frei ist. Die drei Zinnen stehen, schon fast zum Greifen nah, quasi in der unmittelbaren Nachbarschaft. Dahinter lassen sich die Sextner Dolomiten ausmachen - ich erinnere mich, vor drei Jahren hatten wir dort, am Helm, ein schönes Thermikerlebnis! Ich glaube Baumi und Girgl sind damals sogar bis zu den drei Zinnen und wieder zurück geflogen!
Weiter westlich erkennt man die Felszacken, welche Cortina d’Ampezzo einrahmen, Fanes, Tofana, ... und im weiteren Verlauf läßt sich das Herz der Dolomiten, Marmolada, Sella und Co., erahnen (‘freu mich schon wieder auf den obligatorischen Herbstausflug nach Canazei ...). Panorama vom Feinsten!
Mit der erreichten Höhe läßt sich die Bergkette nun ein Stück weit bequem abfliegen. Am nächsten Steinklotz, etwa vier km entfernt, geht’s dann sogar noch über 2500 m hinaus - trotz langsam diesiger werdendem Himmel. Ich möchte nicht wissen, mit welcher Wucht man in dieser Gegend hochgeschleudert wird, wenn die Thermik ‘mal wirklich gut entwickelt ist. Arno, Girgl und Knappei fliegen noch einen kleineren Talsprung bis zu den nächsten Gipfeln weiter und von dort aus in direkter Linie zum Landeplatz (die Bergkette zieht sich, wie schon erwähnt, sichelförmig quasi in einem Viertelkreis um den Landeplatz, so daß dieser mit genügend Startüberhöhung von jedem Punkt dieser Kette aus gut erreichbar ist).
Ich fliege die Kette wieder zurück, und hänge schließlich wieder über dem Startplatz, wo Angiiiiieeee und Melanie die Startvorbereitungen gerade abschließen. Angesichts des heutigen Wolkenbildes (man würde wohl ‘leichten’ Nordföhn prognostizieren) hatten sie - wohl vernünftiger, als die männlichen Ausflugsteilnehmer -beschlossen, die Situation noch zu beobachten und sich lieber etwas länger gesonnt.
Nach eineinhalb Stunden Genußflug (trotz des Wolkenbildes und der stärkeren Steigphasen war es eigentlich niemals richtig ruppig), können wir dann wieder alle vereint gemeinsam am Landeplatz die wohl verdienten Flaschen Rotwein leeren, die wir in weiser Vorsehung am morgen beim Dorfkrämer eingeholt hatten. Der Nachmittag neigt sich langsam dem Ende, als ein Pritschenwagen, welcher ein Communalwappen auf der Fahrzeugtür trägt, den Feldweg entlang der Landewiese entgegen rollt. Zwei Bauarbeiter springen aus dem Fahrzeug und gehen ein Stück des Weges zu Fuß ab, die Augen fest auf den Boden fixiert. Sie stoppen schließlich vor dem Wegabschnitt, wo Knappei noch vor zwei Tagen ohne Erfolg versucht hat, mit Melanies Camper einen offenliegenden Bewässerungskanal quer durch die Zufahrtsstraße zu graben. Sie inspizieren die feuchten, aufgeweichten Stellen, rudern mit den Armen und fachsimpeln vor sich hin, immer mit einem leicht argwöhnischen Blick aus dem Augenwinkel in unsere Richtung. Offensichtlich hat Knappei mit seiner nächtlichen Brunnenbohraktion die Wasserversorgung der nächsten Ortschaft lahmgelegt (angesichts seiner Fähigkeit, Wasser zu teilen, werde ich ihn wohl zukünftig nurmehr mit ‘Moses’ ansprechen). Schließlich greift einer der wohl etwas ratlosen Arbeiter zum Handy und ruft Verstärkung, die dann wenige Minuten später auch in Form eines Sachverständigen in feinstem Zwirn zur Stelle ist. Teilnahmslos beobachten wir die Szenerie, immerhin weiß ja keiner der drei Stadtbediensteten, wer wirklich an der Misere schuld ist. ‘Wär eigentlich ganz amüsant, sich dazu zu stellen und etwas mit zu diskutieren, aber langsam wird’s dunkel und schließlich ist’s ja nicht unser Problem, oder? -Das Essen ruft ...
 

... ein Besuch in einer 20 km entfernten Pizzeria rundet schließlich den Ausflug für mich ab - ich muß morgen wieder Österreichs Bruttosozialprodukt vorantreiben. Die anderen werden wohl noch ein, zwei Tage bleiben (arbeitsscheues Pack!).

Tja, wenn ich nun den Ausflug Revue passieren lasse, was gab’s noch besonderes, welches Resumme läßt sich ziehen?:

• Daheim haben wir an diesem Wochenende sicher nichts versäumt, scheinbar gab es so starken Wind, daß an Fliegen dort nicht zu denken war!

• 1860 hat am Samstag 6:0 verloren! Als Arno daraufhin Harlei aufrichtigen Trost per Handy spenden wollte brach offensichtlich das Telefonnetz zusammen, es kam jedenfalls keine länger dauernde Verbindung zustande ...!

• Arno und ich haben während des gesamten Ausflugs versucht, Angiiieee das Preißln auszutreiben. Am dritten Tag ließ sich in Ansätzen zwar erkennen, daß sich ihre Muttersprache nicht direkt am Hamburger Fischmarkt entwickelt hat. Im großen und ganzen ist sie aber ein hoffnungsloser Fall. Ich glaube mittlerweile sogar, daß hier ein grober Gendefekt vorliegt (Bayrischer Mutant?).

• Unser Fliegerclub zeichnet sich sicher nicht durch strenge Alkoholverachtung aus! Was mir aber immer wieder auffällt - wir liegen damit in guter Gesellschaft: Da sind zum einen die Allgäuer Thermikzipfel, zu denen wir mittlerweile ja beste Beziehungen unterhalten. Zum anderen waren die Italiener, welche wir während des Belluno-Ausflugs getroffen haben, auch keine Engel. Luca erzählte uns sogar, daß er und drei seiner Freunde alle Halbejahre eine Blutprobe beim Polizeilabor abgeben müssen, um die Leberwerte testen zu lassen.
Trotzdem bleiben die feuchten Zusammenkünfte doch immer auf einzelne Tage an wenigen Wochenenden beschränkt. Deshalb stört es mich doch sehr, wenn manche Leute den Verein immer wieder als Alkoholikerclub hinstellen. Es soll sogar vorkommen, daß Beschwerden geäußert werden, wegen des Inhalts unserer Homepage. Ich frage mich nur, wenn sich jemand dermaßen daran stört, warum liest er die Seiten dann überhaupt!? Die Homepage sollte den Charakter unseres Vereins wiederspiegeln, und dazu zählen dann wohl auch die Nachmittage auf der Weitwiese, ebenso, wie die wenigen Club- oder Hüttenabende, auch, wenn zu solchen Gelegenheiten (wie schrecklich) Bier getrunken wird. Man sollte wohl auch sehen, daß dieselben Personen, welche auf so manchen Fotos mit Bierflaschen in der Hand ‘ertappt’ werden, auf der anderen Seite dann auch wieder hervorragende sportliche Leistungen abliefern!
Ich bin jedenfalls ganz froh, daß ich meine obigen Ausführungen nur Dir, mein liebes Tagebuch, anvertraue und diese meine intimsten Gedanken nie ans Licht der Öffentlichkeit geraten! Ich denke ohnehin, daß wegen der eben erwähnten humorlosen Grieskrämer massive Zensur nötig wäre, damit ein derartiger Artikel in unsere Homepage erscheinen dürfte ...

© Text: Hans Weber
Fotos: Angiiiieee Wierer, Melanie Seelig
 

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